ANALYSE & MEINUNG                                                               Luxemburger Wort, Freitag, der 2. Januar 2009 (S.14)

Sozial handeln



VON ALFRED GROFF *

Damit das zukünftige Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft optimaler funktionieren kann, könnten folgende drei Grundrechte eine sinnvolle Basis seines Mitwirkens in den kulturellen, staatlich-rechtlichen und wirtschaftlichen Bereichen darstellen:

· eine multi-perspektivistische Bildung
· eine direkt-demokratische Mitbestimmung
· ein bedingungsloses Grundeinkommen

Der Mensch betritt diese Welt als ein fähiges und bedürftiges Wesen. Seine Fähigkeiten kann er aber nur für sich und seine Mitmenschen nutzen, wenn sie zu ihrem vollen Potential ausgebildet werden. Seine Ausbildung sollte also vordergründig diesem Zwecke nutzen. Dabei sind alle Wirklichkeitsdimensionen zu berücksichtigen: die inneren und äußeren Aspekte, wie auch die individuellen und kollektiven Aspekte eines jeden Phänomens erschließen die umfassende, ganzheitliche Wirklichkeit. Das ist eine wesentliche Basis einer multi-perspektivistischen Sichtweise bei der Grundausbildung des Menschen, wie auch bei der Weiterbildung zur Förderung seiner Entwicklung und seines freien Denkens.

Der ausgebildete Mensch kann seine Fähigkeiten zur Schaffung optimaler Rahmenbedingungen für das Zusammenleben nur sinnvoll einsetzen, wenn er auf der politischen Ebene auch das Recht hat direkt-demokratisch mitzubestimmen. Wenn mündige Bürger in dieser oder jener Sachfrage selbst entscheiden wollen, müsste die Informationsfreiheit und ein gleichberechtigter Zugang zu den Medien gewährleistet sein. Es kann zu einem optimalen Umfeld für eine Entscheidung kommen, wenn alle an der Frage interessierten Menschen, inklusive der Experten jeglicher Couleur,  miteinander die Vor- und Nachteile der Entscheidung erwägen können. Demagogie hätte da keine Chance mehr.

Eine menschengerechte Wirtschaft hat die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen zum Inhalt. Auch in der globalisierten Wirtschaft, wo fast jeder für Andere arbeitet,  sollten alle Menschen ihre Fähigkeiten frei assoziativ unter bestmöglichen Bedingungen einbringen können. Damit dies ohne Angst, seine Grundbedürfnisse nicht erfüllen zu können, möglich ist, sollte jedem Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen zustehen. Alle wirtschaftlichen Produkte und Dienstleistungen beruhen auf der Bearbeitung der Natur und dem Einsatz menschlicher Fähigkeiten, die beide bedingungslos zur Verfügung stehen. Nimmt man die Fähigkeiten der Menschen Ernst, ist das bedingungslose Grundeinkommen dazu der adäquate Kredit.

Weitere  Ansätze, wie Tauschbörsen und Regiogelder (Komplementärwährungen), Geldnutzungsgebühr (Zinsproblematik) und Bodenpacht (Bodeneigentumsfrage), Maximaleinkommen und Kapitalakkumulationsgrenze, Bildungsgutscheine, Steuerfragen (Konsumsteuer als einzige Steuer, Spekulationssteuern, Steuerzuweisungsfreiheit) und Triple-Budgetierung (ökonomische, ökologische und soziale Verträglichkeit)  und so manches mehr was der menschlichen Kreativität entspringen mag, können die oben genannten ergänzen.

Was die praktische individuelle Praxis angeht, hier einige persönliche Fragebeispiele. Dies betrifft sowohl die Schulung und Anwendung der individuellen Fähigkeiten (im kulturellen Bereich), der Beziehungen im privaten und im allgemeinen (im staatlichen Bereich), die Bedürfnisse im Verhältnis zu denen der Mitmenschen (im wirtschaftlichen Bereich) sowie den gesunden Umgang mit Geld.

Fragen zu den kulturellen und rechtlich-staatlichen Bereichen:

· Sorge ich mich aktiv um Bildung und Weiterbildung und um die Entwicklung meiner Fähigkeiten? Bin ich bereit, von anderen zu lernen?
· Engagiere ich mich in der Zivilgesellschaft?
· Pflege ich meine Beziehungen im Paarbereich, im freundschaftlichen und kollegialen, im familiären und nationalen, im europäischen und weltweiten sowie im universellen Bereich?
· Bevorzuge ich staatliche Lösungen oder nehme ich auch mal die Mühe von Selbstverwaltungsprojekten in Kauf?
· Unterstütze ich Bestrebungen für Direkte Demokratie oder finde ich, dass Politiker alles richten sollen, es aber nie zufriedenstellend tun?
· Bin ich politisch oder zivilgesellschaftlich aktiv? Unterschreibe ich Petitionen, auch wenn ich nicht direkt betroffen bin?
· Denk ich darüber nach, dass Arbeit und Einkommen nicht notwendigerweise zusammenhängen müssen, auch wenn es oft so dargestellt wird?
· Kann ich mir ein bedingungsloses Grundeinkommen als sinnvollen Ansatz vorstellen?

Fragen zu den  wirtschaftlichen und monetären Bereichen:

· Möchte ich mein Geld ohne Leistung vermehren, etwa durch Zinsen und Spekulationen, ohne zu bedenken, dass das was ich mehr habe, einem anderen fehlt?
· Möchte ich auch manchmal möglichst billig kaufen, ohne mir alle Konsequenzen klar zu machen, etwa ob alle am Produktionsprozess Beteiligten angemessen leben können?
· Bevorzuge ich möglichst neutrales Kaufen mit Rückgabegarantie oder vertraue ich auch Unbekannten in einem Tauschring und mache mir die Mühe, mit ihnen in Kontakt zu treten?
· Bin ich bei einem finanziellen Überschuss bereit, einen Kredit für Fähigkeiten zu gewähren, der  mir persönlich keinen direkten Nutzen bringt, aber dem sozialen Ganzen oder einer benachteiligten Minorität?

Den Menschen der Zukunft kann man durch drei Eigenschaften charakterisieren: Einsicht (Bewusstsein), Mitgefühl (Empathie) und die entsprechenden Handlungen (Alltagspraxis) . Was verlangt die Zukunft von ihm? Wenn er im Hier und Jetzt die richtigen Fragen stellt, so erhält er aus der Zukunft die Antworten, die es ihm ermöglichen, statt auf mehr Liebe zu hoffen, mehr Liebe zu verschenken.



* Alfred Groff (www.mtk.lu/groff.htm): Das Thema "sozial handeln" wird auch in dem von ihm herausgegebenen Buch "dreigliederungsimpulse für die Demokratie in Luxemburg" (www.mtk.lu/bod.html: ISBN 978-3-8370-6719-4) ausführlich behandelt.