Leserbrief im „Goetheanum“ Nr.7/2009 (Seite7&8)

Zum Artikel „Grundeinkommen statt Dreigliederung ?“
von Maurice Le Guerranic, „Goetheanum“ Nr.50/2008

Ist das überhaupt eine sinnvolle Frage? Die Behauptung, dass man in anthroposophischen Kreisen „nur noch“ vom „Grundeinkommen für alle“ als dem „Kulturimpuls Mitteleuropas“ zu sprechen gewillt ist, bezweifele ich. Dann fragt sich, ob diese Idee aus dem Gesamtkonzept der Dreigliederung „hervorgehen“ muss, um sinnvoll zu sein oder gar um eine zeitgemäße Dreigliederung zu unterstützen oder vorzubereiten. Ein Grundeinkommen für den „nicht aktiven Bevölkerungsanteil“ muss nicht erst geschaffen werden, da er bereits jetzt über Transfereinkommen verschiedenster Art  für 59% der deutschen Bürger Realität ist (siehe Film „Grundeinkommen“ von Enno Schmidt und Daniel Häni). Das „bedingungslose“ ist das menschengerechte an einem Grundeinkommen, da alle notwendigen wirtschaftlichen Anteile, die Natur und die menschlichen Fähigkeiten, zunächst kostenlos in der Welt sind. Dass ein „Grundeinkommen allein aus der Tätigkeit des in der Wirtschaft aktiven Bevölkerungsanteils herrühren“ kann, stimme ich ebenfalls nicht zu. Sinnvollerweise würde ein Grundeinkommen von den Verbrauchssteuern der Konsumenten unserer arbeitsteiligen Gesellschaft herrühren, statt dass die Arbeit für andere eine Ware ist, die auch noch besteuert wird.

Der Sinn eines Grundeinkommens ist nicht die Beschneidung der Managerlöhne. Auch die Idee Gesetze einzuführen um Bürger dazu zu „verpflichten“, mühsame Arbeiten auszuführen ist meines Erachtens unangemessen. Es ist klar, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen verschiedene Menschen davon abhalten würde solche Arbeiten zu tun, zumindest für den gleichen Lohn wie bisher. Ein Mindestlohn und ein Grundeinkommen würden gerade erwirken, dass unangenehme oder gefährliche Arbeiten nur noch mit einem höheren Lohn geleistet werden würden. Eine „selbstlose Haltung gegenüber der Gemeinschaft“ erwacht natürlich nicht automatisch durch ein Grundeinkommen, aber ein Leben ohne Grundexistenzängste  wäre dieser Haltung sicher eher dienlich als das Gegenteil.

Ob Rudolf Steiner eine Idee, wie die des bedingungslosen Grundeinkommens vorgeschlagen hätte oder nicht, ist meines Erachtens rein spekulativ. Wichtig ist viel mehr, dass Menschen, die für die Dreigliederung im 21. Jahrhundert die richtigen Antworten finden wollen, eigenständig denken und von moralischer Technik angetrieben handeln. Bedingungsloses Grundeinkommen verhindert auch keineswegs menschenwürdige Vertragsverhältnisse, die auf der Verteilung der Unternehmensgewinne unter allen Beteiligten gründen. Es gibt aber sicher auch Menschen, die sich mit einem Grundeinkommen mit oder ohne kleinem Zusatzverdienst begnügen, und  die nicht in einem Unternehmen tätig sein wollen, aber für Mitmenschen, die Natur oder die Kunst arbeiten wollen. Schlussfolgernd möchte ich sagen, dass es nicht um Grundeinkommen statt Dreigliederung gehen kann, sondern nur um Grundeinkommen und Dreigliederung. Eine allen Aspekten des Menschseins gerechten Bildung,  die Möglichkeit der Ergreifung direkt-demokratischer Ansätze und ein bedingungsloses Grundeinkommen  könnten als Grundrechte eine ideale Basis für eine zeit- und menschengerechte Entwicklung der sozialen Dreigliederung in unserer Gesellschaft darstellen.

Alfred Groff (LU)